LibreOffice Online

Ein perfektes Team: LibreOffice Desktop und LibreOffice Online

Eigene Cloud mit OpenSource-Software

Während man heute bei den Office-Varianten auf dem Desktop durchaus die Möglichkeit hat, gute OpenSource Software zu verwenden und sich so auch im Unternehmensumfeld ein Stück Freiheit erarbeiten kann, ist dies bisher bei den Weblösungen eher dürftig.

Zwar bietet Google mit seinem Drive-Angebot eine kostenlose Weblösung an, doch dürfte die Vorstellung, wichtige und vertrauliche Dokumente in diesem Dienst einzustellen nicht immer den Vorstellungen eines Unternehmens entsprechen.

Lösungen wie IBM-Docs oder auch Microsoft Office365 bieten zwar auch Clouddienste an, sind aber weder OpenSource Software noch unterliegen Sie der Kontrolle eigener Administratoren bzw. lassen sich nur in sehr großen Unternehmen in eigenen Serverumgebungen wirtschaftlich betreiben.

Um so erfreulicher ist es, dass auch das führende OpenSource Office Paket LibreOffice nun mit einer Webserverbasierten Lösung aufwartet mit einem entsprechenden Browser-Frontend. Damit eröffnen sich auch für mittelständige und kleinere Unternehmen die Möglichkeit, neben den Clientinstallationen auch Geräte- und Standortunabhängig Officedokumente anzusehen, zu ändern oder zu erstellen.

LibreOffice Online (LOOL)

Das Konzept der LibreOffice-Macher unterscheidet sich dabei ein wenig von denen der Wettbewerber. Während diese ein völlig eigenständiges aber abgespecktes Office-Paket erzeugt haben, bleibt LibreOffice bei dem bestehenden Programmcode und somit der Hauptproduktlinie. Schon immer war es möglich, LibreOffice als Serverdienst zu starten und auch auf die Benutzeroberfläche zu verzichten (headless), es lag also nahe, diese Konzept zu übernehmen und lediglich eine neue Browserbasierte Benutzeroberfläche zu erzeugen sowie eine Lösung zu finden, unterschiedliche Instanzen eines Clients zu verwalten. Federführend hierbei ist die Firma Collabora, auch einer der Haupt Code-Distributoren für LibreOffice.

Natürlich bedurfte es noch vieler weiterer Anpassungen um zum Beispiel die Anzahl der Threads und gleichzeitig geöffneten Dokumente zu bewältigen sowie Benutzeroberfläche auch für Touchbedienung zu verbessern – doch bleibt der Programmkern selbst mit all seinen Möglichkeiten erhalten.

Nun ist es weder sinnvoll noch notwendig, alle Möglichkeiten einer umfassenden Office-Suite wie LibreOffice auch im Browser abzubilden. Für die Kernaufgaben reichen in der Regel die folgenden Punkte:

  • Ansicht eines bestehenden Dokumentes (mit allen Formatierungen und Feinheiten)

  • Änderung oder Ergänzung eines bestehenden Dokumentes. Änderungen beziehen sich dabei auf vorhandene Texte, Bilder, Zahlen etc. - also auf Inhalte. Nicht geändert werden Basisstrukturen wie Seitengrößen, Feldbefehle, Makros etc.

  • Erzeugen und Editieren von einfachen Dokumenten (Text, Tabellenkalkulation, Präsentation)

  • Drucken, exportieren und konvertieren von Dokumenten


Um diese Aufgaben erfüllen zu können bedarf es einer angepassten und aufgeräumten Benutzeroberfläche und im Ergebnis nur weniger Befehle. Die Lösung wurde realisiert mit Hilfe von JavaScript Code, der dann aber auf die LibreOffice Serverinstallation zugreift.

Herausgekommen ist schließlich eine Online-Version von LibreOffice – lauffähig in jedem Browser und somit Geräte und Betriebssystem unabhängig. Auch nutzbar auf Tablets, Smartphones und jedem Endgerät mit Internetverbindung. Und mit einer zusätzlichen Besonderheit: Dokumenten können gleichzeitig von verschiedenen Benutzern bearbeitet werden – in Echtzeit, sichtbar für alle anderen.

LibreOffice Online ist zwar ein OpenSource Projekt wie LibreOffice selbst auch, nur ist es für den normalen Endverbraucher an sich kaum nutzbar. LibreOffice Online ist nicht (oder noch nicht) als Binary verfügbar und kann auch nicht einfach mal installiert werden – es bedarf einfach weitaus mehr Komponenten und Erfahrungen. Wer es selbst ausprobieren möchte, kommt nicht umhin, sich erstens intensiv mit dem Code und den spärlich vorhandenen Anleitungen zu beschäftigen und dann zweitens sich selbst eine Version zu kompilieren, passend zu seiner eigenen Serverumgebung.

LibreOffice Online ist also in erster Linie geeignet, zusammen mit einem Online-Angebot (Cloud-Service) an den Start zu gehen oder von entsprechend erfahrenen Dienstleistern passend zu den Unternehmensstrukturen aufgesetzt zu werden.

Hierzu gibt es derzeit einige große Anbieter: Collabora mit seinem Collabora CloudSuite Angebot sowie den Diensten OwnCloud bzw. NextClaud mit LibreOffice Integration.

Und da OwnCloud/NextClaud selbst auch ein OpenSource Programm ist, eröffnen sich hier natürlich Möglichkeiten für mittelständige Firmen: Sie können sich Ihre eigene Cloud schaffen und dort dann auch LibreOffice einbinden und somit die Online Funktionen des Office-Programms überall nutzen, ohne dass Dateien auf fremden Servern in anderen Ländern abgelegt werden müssen. Kombiniert mit entsprechenden Sicherungskonzepten (verschlüsselte Übertragungen bis hin zu VPNs) erhält man so die Mobilität seiner Daten bei gleichzeitiger Datenhaltung unter eigener Kontrolle.

Es muss allerdings erwähnt werden, dass LibreOffice Online (LOOL) keinesfalls bereits „fertig“ ist (ist OpenSource Software eigentlich jemals fertig?). Da die derzeitige Codearbeit fast ausschließlich bei der Firma Collabora liegt ist natürlich jede Hilfe hoch willkommen. Daher kann man sich auch dort eine aktuelle Version herunterladen und ausprobieren – und ist natürlich eingeladen, Verbesserungen und Ergänzungen im Code zu submitten.

Und damit man sofort eine Vorstellung von LOOL erhält und es auch direkt ausprobieren kann, stellt Collabora eine komplette Installation im Rahmen eines Docker image zur Verfügung: die Collabora Online Development Edition (CODE)

Die Anleitung zum Einbinden und zum Anpassen des Apache Webservers ist ebenfalls auf der Downloadseite zu finden.

Docker Image LOOL

Noch handelt es sich um eine Developer-Version – allerdings derzeit bereits als Versionsnummer 2.0 auch im produktiven Einsatz.

Wer erst einmal unverbindlich testen will, kann sich bei Collabora einen Testaccount einrichten lassen – und erhält dann Zugriff auf eine vollständige Arbeitsumgebung entweder als Owncloud oder als Nextcloud Integration.

Was zunächst auffällt

Ähnlich wie Google-Drive bietet auch die OwnCloud/NextCloud Instanz eine gegliederte Dokumentenablage. In diese Ablage kann man bequem eigene Dokumente hochladen oder auch auf den eigenen Rechner „herunterspeichern“. Doch bleiben die ursprünglichen Formate der Dokumente sowohl beim Hochladen als auch beim Herunterladen erst einmal erhalten – werden also nicht konvertiert. Und das hat insbesondere bei nativ mit LibreOffice erstellten Dokumenten (OpenDocument Formaten) gravierende Qualitätsauswirkungen. Solche Dokumente werden in der Cloudversion von LibreOffice absolut identisch angezeigt wie in der Desktop-Version, es gibt also keinerlei Verluste durch Konvertierungen. Zwar sind auch hier die Möglichkeiten des Editierens und der Erzeugung von neuen Dokumenten entsprechend den Cloud-Varianten eingeschränkt, es reicht aber völlig für den täglichen Gebrauch.

Writer komplexer Text in LOOL

Der große Vorteil der Kombination LibreOffice Desktop/LibreOffice Cloud liegt aber genau in der Darstellung von komplexen Dokumenten. Da alle anderen Cloud-Office Varianten auf eigenen Programmcode basieren und somit in weiten Teilen neu programmiert wurden, gibt es immer Verluste beim Darstellen von komplexen Dokumenten – die Programme sind einfach nicht in der Lage die Funktionen identisch abzubilden.

Anders bei LibreOffice. Da der Programmkern identisch ist und auch auf dem Server die gleiche Code-Basis läuft wie auf dem Desktop , das „Rendern“ des Dokumentes also identisch ist, kann auch im Browser das Dokument in seiner ganzen Komplexität identisch zum Desktop angezeigt werden. Eine solche Möglichkeit liefert keine andere aktuelle Lösung.

Die Besonderheit von LOOL ist also die Kombination mit dem eigentlichen Kernprodukt (LibreOffice) ergänzt durch eine neue, eigene Browseroberfläche zum Bereitstellen von Bearbeitungswerkzeugen. Diese greifen über die Uno-Schnittstellen direkt auf den Programmkern zu und führen dann die gleichen Funktionen aus wie die Desktop-Variante. Dieses Konzept ermöglicht es auch, sukzessive weitere bereits vorhandene Funktionen in die Weboberfläche zu integrieren und so im Extremfall den komplette Funktionsumfang zu realisieren.

Dem spricht allerdings entgegen, dass mobile Geräte in der Regel weder für aufwendige Bedienoberflächen ausgelegt sind noch diese Komplexität überhaupt benötigt wird. In den meisten Fällen reicht es, bestehende Dokumente anzuzeigen und zu überarbeiten sowie neue, einfach strukturierte Dokumente zu erstellen, zu speichern und zu verteilen. Idealerweise natürlich auch im gleichzeitigen Zugriff von Arbeitsgruppen (gemeinsame Überarbeitung des gleichen Dokumentes in Echtzeit).

Die Desktop-Variante eines Office-Paketes wird auch in absehbarer Zeit nicht aussterben und für aufwendige Arbeiten herangezogen, eine Cloudvariante wird sich also immer in der Kombination mit dieser messen lassen müssen.

Was kann die derzeitige LibreOffice Cloud Version

Anders als bei der Desktop-Variante beschränkt sich die Cloud-Version derzeit auf drei Module: Textverarbeitung, Tabellenkalkulation und Präsentation. Die Bedienoberfläche ist auf wenige Funktionen reduziert worden, die aber überwiegend ausreichen. Ein Dokument kann gespeichert, gedruckt und heruntergeladen werden, auch in anderen Formaten, z.B. MS Dokumentenformate - sowohl die neuen Formate (docx, xlsx und pptx) werden unterstützt als auch die binären „alten“ (doc, xls, ppt)

Markierung in LOOL

Auffällig ist zudem die geänderte Markierung von Texten in den Modulen. Diese hat am Anfang und am Ende einen ziemlich auffälligen „Pfeil“ (siehe Abbildung rechts). Mag dies zunächst befremdlich wirken, zeigen sich die Vorteile bei einem berührungssensitiven Bildschirm und dem Versuch, eine Markierung mit den Fingerspitzen zu erzeugen. Jetzt helfen die Dreiecke enorm und es kann sehr präzise gearbeitet werden.Dies gilt im übrigen für fast alle Bedienelemente, lediglich bei der Wahl der Farben ist der neue Farbauswahldialog ein wenig klein geraten und das Bedienen per Touch erweist sich ein wenig „fummelig“.

Ein ähnliches Bedienkonzept ist auch bei der Tabellenkalkulation zu finden. Hier erkennt man jedoch schnell, dass die Browservariante nicht wirklich einen Ersatz zum Desktop darstellt. Zwar lassen sich auch im Browser sehr komplexe Formel in einzelne Zellen eingeben – doch fehlt jegliche Hilfestellung oder Assistenten.

Formeln in Calc

Man muss also wissen, wie die Formel lautet zudem aktuell nur die englische Bezeichnungen akzeptiert werden. Auch fehlen natürlich gerade in Tabellenkalkulationen die vielen „Extras“ wie Pivottabellen, Grafiken, Datenanalysewerkzeuge und vieles mehr. Fertige Dokumente mit diesen Elemente werden aber korrekt dargestellt und können auch geändert werden.

Im Präsentationsmodul schließlich haben Sie derzeit nur sehr begrenzte Möglichkeiten, eine neue Präsentation zu erstellen. Hier ist sicher in nächster Zeit noch mehr zu erwarten. Andererseits aber kann jede bestehende Präsentation überarbeitet werden und – was viel interessanter ist – auch abgespielt werden – sogar im Vollbild Modus.

Impress im Browser

Doch LOOL kann noch mehr: Da es auf die gleichen Im- und Exportfilter zugreifen kann wie LibreOffice, gelingt auch die Ansicht und Bearbeitung von Dokumenten im MS-Office Format – sowohl der „alten“ binären als auch der „neuen“ xml basierenden.

Und jedes Dokument kann selbstverständlich auch als PDF heruntergeladen werden. Auch hier nutzt der Export die in LibreOffice integrierte Funktion.

Gruppenfunktionen

In Verbindung mit zum Beispiel NextCloud kann jedes Dokument für einzelne Personen oder Gruppen freigegeben werden. Und hier erschließt sich dann ein weiterer Vorteil der Online-Version: Das Dokument kann jetzt gleichzeitig in unterschiedlichen Instanzen bearbeitet werden und jeder, der das Dokument geöffnet hat, sieht sofort die Änderungen.

Dabei ist es sogar möglich, gleichzeitig im Dokument Änderungen vorzunehmen. Markierungen und Bearbeitungen erhalten in Echtzeit ein kleines „Fähnchen“ mit dem Namen des gerade aktiven Bearbeiters und so kann gemeinsam ein Dokument „fit“ gemacht werden.

Fazit

Auch wenn LibreOffice Online noch sicher nicht fertig ist zeigt es doch schon heute die Möglichkeiten, Browserbasiert und Online gemeinsam oder auch alleine Dokumente zu bearbeiten und zu präsentieren.

Aber das Konzept und das Potenzial überzeugt – sowohl die technische Basis (ein vollwertiges LibreOffice als Serverinstallation) als auch Bedienungsfeinheiten speziell für Touchscreens ( die speziellen Markierungen für Selektionen) überzeugen. Die Grundlagen sind gelegt und die in LibreOffice verfügbaren Funktionen werden nun nach und nach integriert. Insbesondere in der Kombination mit einer eigenen NextCloud/OwnCloud Installation erschließt sich hier für quasi jedermann die Möglichkeit, eigene Dokumente über das Internet allen Berechtigten zur Verfügung und zur Bearbeitung zu stellen und dennoch die volle Kontrolle über die Daten zu behalten. Das gibt gerade kleinen und mittelständigen Unternehmen eine enorme Freiheit bei insgesamt überschaubaren Kosten.

Januar 2017

Glossar:

  • LOOL – LibreOffice Online

  • CODE - Collabora Online Developer Edition

Links

1) LibreOffice

2) LibreOffice Cloud Suite